
Am Hafen von Le Havre an der Atlantikküste wird eine männliche Leiche gefunden. In der Jackentasche steckt ein Kinoticket, auf der Rückseite ihre Telefonnummer. „Sie“, eine Synchronsprecherin aus Paris, erhält einen Anruf des ermittelnden Polizisten. Doch wie ist die Verbindung zu diesem Mann? Maylis de Kerangal erzählt in „Brandung“ von Wellen der Erinnerung.
Die Erzählerin – wir erfahren ihren Namen nicht – reist sofort in die Normandie. Sie sieht die Fotos des Toten, nimmt auch an der Leichenschau teil. Aber sie erkennt ihn nicht. Dafür begegnen ihr die Bilder der Vergangenheit, denn sie ist in Le Havre aufgewachsen: Das Kino Channel und der ehemalige Lehrer; das Perret-Viertel, Teil der neu aufgebauten Stadt Le Havre nach der schweren Bombardierung zum Ende des Zweiten Weltkriegs; die Fahrt mit der Straßenbahn zum Strand aus Kieselsteinen, wo sie als Jugendliche ihre Sonnenbäder nahm.
An der Mole wird sie von der Brandung erfasst. Im Café am Yachthafen begegnet sie der Schwester einer Freundin und kann sich dort aufwärmen.
Immer wieder taucht in ihrem Gedächtnis auch ihre erste verlorene Liebe Craven auf. Er verschwand nach Kanada, meldete sich nie wieder und fügte ihr großen Schmerz zu. Ist der Tote etwa Craven?
Maylis de Kerangal setzt den Kriminalfall ein, um die Geister der Vergangenheit heraufzubeschwören. Ihre Protagonistin stellt sich den Erinnerungen, einen Tag lang, am 18. November 2022. Dann ist es Zeit, sich wieder in den Zug zu setzen, zu Mann und Tochter nach Paris zurückzukehren.
„Brandung“ ist kein Krimi nach dem Muster „Whodunit“. Der Todesfall ist vielmehr Auslöser für die Flashbacks in die Lebensgeschichte der Protagonistin, abwechslungsreich und etwas mystisch erzählt.
Die Autorin Maylis de Kerangal hat ihre Kindheit in Le Havre verbracht, ist Tochter und Enkelin von Kapitänen auf großer Fahrt. Das hat sie auch als Schriftstellerin geprägt. Besonders beeindruckt haben mich ihre einfühlsamen, komplexen Schilderungen der Stadt Le Havre und ihrer tragischen Geschichte.
Fazit:
Ein heftiges Wellenschlagen, wie es an der Küste der Normandie üblich ist. Das habe ich sehr gerne gelesen!
Maylis de Kerangal: Brandung. Roman. Aus dem Französischen von Andrea Spingler.
Suhrkamp 2026, Fester Einband mit Schutzumschlag, 238 Seiten, 25,00 €
ISBN: 978-3-518-43278-5

